SAUDADE
Das Meer kennt kein Maß. Es dehnt sich aus, wo der Blick aufhört, es donnert gegen Felsen, die es irgendwann besiegen wird. Es wartet, geduldig und gleichgültig, auf niemanden.
Und der Mensch tritt trotzdem an seinen Rand.
Er angelt. Er liegt im Sand. Er steht zu zweit auf einem Stein und schaut hinaus auf etwas, das sich nicht benennen lässt. Er ist klein, nicht aus Schwäche, sondern weil das Meer ihn in seine wahre Größe zwingt.
Diese Bilder fragen nicht, was die Menschen denken oder fühlen. Sie zeigen nur, dass sie da sind. An der Grenze zwischen dem, was greifbar ist, und dem, was sich entzieht. In ihrer Nische aus Sand und Fels, während das Wasser um sie herum seine eigenen Gesetze schreibt.
Saudade ist das portugiesische Wort für eine Sehnsucht, die keinen Namen braucht. Für das Vermissen von etwas, das vielleicht nie existiert hat. Man findet es selten in Räumen, aber immer dort, wo das Meer beginnt, wo der Boden aufhört und das Unermessliche anfängt, wo der Mensch merkt, dass er sich nach etwas sehnt, das größer ist als er selbst.
Claudia Jacquemin (*1987) arbeitet seit 2011 als freie Fotografin hauptsächlich in den Bereichen Corporate-, Stilllife- und Reportagefotografie.
In ihren freien Arbeiten widmet sie sich oft der Trivialität des Alltags und der flüchtigen Schönheit des unbeobachteten Moments.